Rezensionen zu „Philosophiestunde“ von Johannes Chwalek

Rüdiger Jung: Johannes Chwaleks Erzählung „Philosophiestunde“

Die jüngste Erzählung, die mir von Johannes Chwalek vorliegt, „Philosophiestunde“, bespielt den autobiographisch fundierten, für einen Großteil seines bisherigen Schaffens konstitutiven Raum des Bischöflichen Konvikts. Die Welt des Internats und seiner Zöglinge, des Speisesaals (Ort sich abzeichnender Umbrüche), des Herrentischs mit Rektor und „Prä“ – so das liebevolle Kürzel für den Präfekten. Die neue Erzählung übt sich erfolgreich in der Verschränkung verschiedenster Ebenen: die Titel und Struktur gebende „Philosophiestunde“, das Konvikt und seine Geschichte (schließlich wird sein Bestand in Frage gestellt), zuletzt die Einzelschicksale, die diesem Raum in unterschiedlicher Weise eingeschrieben sind. Die „Philosophiestunde“ ist Kür, nicht Pflicht – und gemahnt damit an das Konzept der „Vita contemplativa“. Es verbindet Jeannot und Thomas G., die beiden Teilnehmer, mit den das Konvikt prägenden Persönlichkeiten von Rektor und „Prä“, der Geschichte des Konvikts, dem je eigenen Lebensweg.
Initiator des Projekts ist der Rektor, der ein Lesebuch signifikanter Texte der Philosophiegeschichte zur Verfügung stellt. Es zeichnet den Rektor aus, dass er „eröffnet“, dann aber – als ansprechbarer Berater – eher in den Hintergrund tritt – eine Lücke, die der „Prä“ (tastend, aber verbindlich) mehr und mehr ausfüllen wird. Es geht um die abendländische Philosophie, die ihren Anfang bei den Vorsokratikern nimmt. Dass Philosophie bei aller Kür existenziell ist, macht gleich zu Beginn der zum Tode verurteilte Sokrates deutlich, der die ihm angebotene Option einer lebensrettenden Flucht ausschlägt. Im ersten Kapitel der Erzählung begegnet uns das Altertum mit Platon, Aristoteles, Epikur, der Stoa. Verschiedene Ansätze – Lektüre, Stillarbeit, Austausch, Referate – prägen den methodisch reichhaltigen Weg. Das Interesse der Jungen an der Philosophie ist nicht zu trennen von den Persönlichkeiten der Philosophen – und jener des Rektors. Mit Hilfe des Lehrers Franz Josef Hüter, der über die Geschichte des Konvikts gearbeitet hat, wollen sie mehr über ihn erfahren – und sollen – von dieser Wendung überrascht – ein Foto von ihm beibringen.
Das zweite Kapitel gilt der Philosophie des Mittelalters mit den vom Prä in den Blick gerückten Gegensatzpaaren Wissen und Glaube, Vernunft und Tradition, Denken und Offenbarung. Als Philosoph wird Bonaventura in den Blick genommen, sein „Pilgerbuch des Geistes zu Gott“ mit der Leiter als dem grundlegenden Bild für den Lebens- und Glaubensweg. Der Prä lenkt die Schüler noch auf ein anderes Feld: die Geschichte des Konvikts, das früher mehr noch durch die Religion, spezifischer: den Wunsch bestimmt war, Kandidaten für das Priesteramt zu gewinnen. Eine Auseinandersetzung um von einem der Schüler im Übermass auf den Teller gehäufte Wurstscheiben macht in ungewohnter Weise im Speisesaal Bruchlinien zwischen Rektor und Prä deutlich. Ob sich auch hier ganz sichtbar die Akzente verschoben haben?
Das dritte Kapitel erweist den im leisen, aber offensichtlichen Konflikt mit dem Prä als eher schwach, gutmütig, aber auch zaghaft erschienenen Rektor als nicht glücklich in seinen Personal-Entscheidungen. Philosophisch tritt mit Pico della Mirandola eine neue Epoche auf: 1486 werden von ihm Gelehrte aus aller Welt eingeladen. Der Pluralismus der möglichen Weltanschauungen, der sich darin andeutet, bedingt, dass der Papst dem Ganzen einen Riegel vorschiebt. Aber entscheidende Themen sind von nun an gesetzt: die Würde des Menschen, seine Freiheit, sein Entwicklungs-Potenzial. Nicht mehr die Frage nach Gott, jene nach dem Menschen rückt in den Mittelpunkt. Zugleich ist das dritte Kapitel jenes, in dem Jeannot seinen (vom Prä angeregten) Vortrag über die Geschichte des Konvikts hält, das in einer früheren Phase den Fokus darauf hatte, Kandidaten für das Priesteramt zu gewinnen. Der historische Vortrag wirkt nach: Wenn das Konvikt früher diese Leitidee hatte – welche ist es dann heute? Hat es noch eine Leitidee – wenn nein: droht am Ende die Schliessung? Eine Frage, die nicht wenige der Internats-Zöglinge im Persönlichsten betrifft.
Der Boden wankt – und es ist geradezu passgenau, dass Thomas Hobbes der nächste Gegenstand der Philosophiestunde ist: ein ängstlicher Mensch, der Triebe und Gewaltpotential der Menschen in Zucht nehmen will und eine Sicht der Gesellschaft vertritt, in der die Furcht vor Strafe das entscheidende Disziplinierungs- und Strukturmoment bietet. Nach ihm wird Immanuel Kant für die Philosophiestunde als letzter Denker benannt. Er steht für die Aufklärung, für das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Die Schüler, die durch den Konvikt-Vortrag aufgerüttelt sind, arbeiten an einem Flugblatt, einer Aktion: Rettet das Konvikt! Derweil ereignet sich im Speisesaal, nein, keine Revolution, aber doch so etwas wie ein Schwanensang: Schüler drohen den Speisesaal vor Ansprache und Gebet zu verlassen, weil der Rektor sein akustisches Machtmittel, eine Glocke, allzu zögerlich bedient hat.
Im fünften Kapitel muss Jeannot erfahren, dass das Konvikt schon fünf Jahre vor seinem Eintritt in seinem Fortbestand bedroht war. Das trifft ihn ins Mark: ist doch das Konvikt sein dauerhaftes Asyl vor einem Zuhause, in dem er unausgesetzt physischer und verbaler Gewalt seiner Stiefmutter und den billigen Beschwichtigungen seines Vaters ausgesetzt gewesen ist. Nun kommt es nicht zur Schliessung des Konvikts, aber zu sehr einschneidenden personellen Veränderungen. Der Rektor geht. Jeannot stellt sich vor, wie gut der Prä als Nachfolger wäre. Aber der Prä hat aus Überzeugung dieses Amt nicht angestrebt – ging es ihm doch um die Menschen und nicht um Verwaltungsaufgaben. Schlimmer noch: auch der Prä geht auf den Ruhestand zu. Tröstlich nur, dass er auch dann noch Jeannot als jederzeit abrufbarer Ansprechpartner erhalten bleiben will. Der scheidende Rektor ist Philosoph und muss – ein ernüchterndes Ende der Philosophiestunde – zugeben, dass das kein richtiger Beruf ist.
Jahrzehnte später – der Ich-Erzähler ist selbst im Ruhestand – setzt der Epilog ein. Er bringt ihn noch einmal mit drei prägenden Gestalten in Berührung.
Da ist die Halbschwester des ehemaligen Rektors, berührt von der überaus authentischen Darstellung ihres Bruders in einer Erzählung des Ich-Erzählers („Otto Lause“, in: Johannes Chwalek, Skizzen eines Schachspielers. Stuttgart: Scholastika Verlag, 2021, S. 142–166). Jeannot und Thomas G. hatten Franz Josef Hüter seinerzeit ein Foto ihres Rektors bringen sollen, und er hatte anhand dieses Fotos ein „traumatisches Erlebnis“ diagnostiziert. Nun erfahren wir, dass es dieser Traumata mehrere gab: den Tod der Mutter während eines kurzen Krankenhaus-Aufenthaltes, die erneute Heirat des Vaters (allerdings mit einer fürsorglichen Stiefmutter), eine Brandstiftung, der Alkoholismus.
War die in der Erzählung geschilderte Begegnung mit Otto Lause eine imaginäre, gab es eine reale mit Franz Josef Hüter anlässlich des 100jährigen Todestages des Reichspräsidenten Friedrich Ebert.
Größte Bedeutung für den Lebensweg des Ich-Erzählers hat indessen der Prä gewonnen, dem ein dichtes Netz persönlicher Gedenktage gewidmet ist. Ein Netz, das so dicht gewebt ist, dass sich das sogar noch im Rahmen einer polizeilichen Ermittlung als hilfreich erweist.
Thomas Berger, dem die „Philosophiestunde“ gewidmet ist, hatte Johannes Chwalek seinerseits seine Monographie über Stefan George gewidmet: „Für Johannes Chwalek / Siegfried Schramms ‚Schüler‘ und ‚Sohn‘“. (Thomas Berger: Im Bann der Schönheit. Annäherungen an das Dichtertum Stefan Georges. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2024, S. 5). Eine Widmung, die treffend war, weil bei den persönlichen Gedenktagen für den Prä Stefan Georges Verse eine Rolle spielen.
Welcher Satz der Erzählung mir am meisten nach- und nahe geht? „‘Es ist erstaunlich, wie wenig Gewicht Menschen besitzen, wenn sie schwach sind‘, sagte ich, ‚selbst in einem kirchlichen Haus.‘“


Johannes Chwalek: Philosophiestunde. Erzählung. Stuttgart: Scholastika Verlag 2025, 156 S., ISBN 978-3-912134-00-1; 15,90 €

Die Erzählung „Philosophiestunde“ enthält fünf Kapitel und einen Epilog.
Zunächst erleben wir zwei Konviktoren, Jeannot C., den Ich-Erzähler, und Thomas G., die sich auf Anregung des Leiters des Konvikts in B. mit der Geschichte der Philosophie befassen und vom Präfekten beraten werden. Im Laufe des Studiums richtet sich der Blick der Jugendlichen auch auf die Geschichte ihrer Lehranstalt. Ihnen wird ein Beitrag aus Band 44 der Geschichtsblätter Kreis Bergstraße empfohlen, der von Franz Josef Hüter, einem Lehrer der Geschwister-Scholl-Schule, stammt. Der Präfekt besorgte im Dom- und Diözesanarchiv M. Kopien von Akten des Konvikts, die er den Jugendlichen zur Verfügung stellte. Jeannot präsentierte schließlich seine Ergebnisse im Speisesaal und regte abschließend an, das Ziel der Konviktserziehung neu zu definieren, da das ursprüngliche Ziel der Priesterausbildung nur noch von ganz wenigen Konviktoren in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts angestrebt wurde.
Viele Jugendliche befürchteten nun, dass ihr Konvikt geschlossen werden könnte. Sie als „häuslich Geschlagene“ wollten auf keinen Fall in ihre zerrütteten Elternhäuser zurückkehren und entschlossen sich zu einer Flugblattaktion, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.
Chwaleks Erzählung beinhaltet zudem Kernaussagen bedeutender Philosophen. Beispielsweise wird dem Präfekten folgende Ausführung zu Thomas Hobbes in den Mund gelegt:
„Ich denke, dass der Staat notwendige Ordnungsfunktionen erfüllt und möchte mir nicht ausdenken, wie es ohne diese Rahmenbedingungen aussehen würde. Insofern habe auch ich Vorbehalte gegen unsre eigene Spezies. Die Diktatur, in der ich zwölf Jahre lang gelebt habe, hat mir gezeigt, dass die Wolfsnatur des Menschen sich des Staates bemächtigen konnte, anstatt dass sie von ihm gebändigt und in Schranken gehalten wurde. Der gute Staat im weitesten Sinn – von Hobbes als Monarchie gedacht, von uns heute als parlamentarische Demokratie – ist keine Selbstverständlichkeit, wir müssen uns darum bemühen“ (S. 107).
Der Epilog würdigt anerkennend Leben und Werk von Konviktleiter Otto L. und Präfekt Siegfried S.
Johannes Chwalek hat zwar die allermeisten Namen von Personen und Orten nicht als Klarnamen angegeben, aber doch Hinweise gegeben, dass das ehemalige Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim gemeint ist. Beispielsweise wird das Kirchberghäuschen erwähnt, „eine seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaute Restauration auf dem Kirchberg, die nachts beleuchtet wurde“ (S. 70). Zudem lassen Darmstädter Straße und Rodensteinstraße Rückschlüsse auf Bensheim zu.
Die Erzählung „Philosophiestunde“ ist dem Schriftsteller Thomas Berger (* 1952) gewidmet, dessen Werkgeschichte Chwalek 2023 dargelegt hatte.

Franz Josef Schäfer, Illingen (Saar)